Die Wahrheiten der Lüge - "Kleines Theater Hall" persifliert sehenswert das wirkliche Leben.

Mit der doppeldeutigen Tragik-Komödie "Vida Real" von Peter Hauser überzeugt die Haller Theatergruppe in einer ungewöhnlichen Inszenierung. Zudem überrascht sie mit einem unerwarteten Schluss.

ANDREAS DEHNE im Haller Tagblatt am 24.02.2016

Mit Bildergalerie unter : http://www.swp.de/schwaebisch_hall/bilder/cme1222376,2233923

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Foto: Andreas Dehne

Die wahre Wirklichkeit des Lebens spielt sich hinter der Bühne ab - "Backstage", wie eine Stimme aus dem "Off" (vorab gesprochen von Stela Katic) es nennt. Den Zuschauern im ausverkauften Theatersaal bietet sich der Blick auf diesen "Backstage"-Bereich.
Eine zehnköpfige Schauspielergruppe trifft sich zum Proben. Die Bühne selbst bleibt unsichtbar. Der Intendant Guntram (Rainer Möck) ist nervös. Das Stück muss ein Erfolg werden. Es ist seine letzte Chance. Er trinkt viel Kaffee und raucht. "Magenkrebs", berichtet die Stimme aus dem "Off" über ihn. So wie sie auch weiterhin Verhalten und Aussagen der Personen im
"Backstage"-Bereich kommentieren wird. "Kaffee - absolut tödlich."

Man küsst sich, ohne sich zu lieben - wie bei einer Seifenoper.

Die zehn Schauspieler des dargestellten, drittklassigen Ensembles verleugnen fast alle ihre wirkliche Geschichte. Edwin (Frederik Gigler), "der ewig Zweite war einmal begnadet und ist verliebt in die leidenschaftliche Christine (Judith Feucht), welche direkt von der Schauspielschule kommt und alles mitnimmt, um weiterzukommen". Lisa (Sue Gallinat) träumt von einer Rolle als Marilyn Monroe. Jutta (Elke Feucht) setzt sich mit Überlegenheit gerne selbst in Szene. Vera (Beate Meier-Lang) "kommt vom großen Theater - sagt sie und scheint fast unnahbar". Paul (Christoph Lahres) "ist ein Alpha-Männchen und demonstriert es bei jeder Gelegenheit". Lucia (Rocío Galvéz Castillo) kommt aus Spanien. Guntram hatte einst ein Verhältnis mit ihrer Mutter. Sabine (Julia Lukas) "macht immer genau das, was man ihr sagt". Sie ist die Tochter des Intendanten.
Das Fehlen von Frauke (Hanna Feucht) zu Beginn der Probe wird nicht einmal bemerkt. Alle wollen schon vor der Aufführung genial sein. Man profiliert sich, an hasst sich. Man küsst sich, ohne sich zu lieben.

Ganz im Stile einer Seifenoper prallen gefälschte Wirklichkeiten und wahre Lebenslügen aufeinander. Dramatik, Tragödie, Schicksal und immer wieder die Liebe und der Tod. Das Leben hinter der Bühne ist besseres Theater als das vor dem Vorhang. Und das wahre Leben auch nur die weitere Inszenierung einer komödienhaften Seifenoper. Gemeinsam mit Regisseur und Autor Peter Hauser haben die Ensemblemitglieder ein anspruchsvoll inszeniertes und nicht ganz ernst gemeintes Stück über die Lebenslügen des wahren Lebens geschrieben. Auch
wenn der Start am Premierenabend bisweilen noch etwas gekünstelt wirkt - mit zunehmender Spieldauer finden die Protagonisten in ihre Rollen und das Stück nimmt deutlich an Fahrt auf. Mit dem Stück "Vida Real" hat das "Kleine Theater Hall" großes Theater in Szene gesetzt. Vor der außerordentlich überraschenden Wende am Schluss überzeugt eine wirklich sehenswerte und professionell dargebotene Ensemble-Leistung. Hervorzuheben bleibt noch die eher unscheinbare Rolle der Sabine. Sie ist die Einzige, die immer die Wahrheit sagt. Aber die will keiner hören. "Lebenslüge - was ist das wirklich?"

 

 

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